Die Welt geht unter
und ich arbeite
im Grafikdesign
Interviews und Texte zu ökologischer Nachhaltigkeit in der
visuellen Kommunikation in Form einer low-impact Website
Über Gestaltung

«Commercial work has always paid the bills, but many graphic designers have now let it become, in large measure, what graphic designers do. This, in turn, is how the world perceives design. […] Many of us have grown increasingly uncomfortable with this view of design. To some extent we [designers] are all helping draft a reductive and immeasurably harmful code of public discourse. There are pursuits more worthy of our problem-solving skills. Unprecedented environmental, social and cultural crises demand our attention.»

First things first manifesto (2000)

Die Welt geht unter und ich arbeite im Grafikdesign. Das ist, etwas überspitzt gesagt, die Ausgangslage dieser Arbeit. Damit will ich auf keinen Fall sagen, dass visuelle Kommunikation nicht wichtig ist. Im Gegenteil. Ich sehe diese Arbeit als eine Suche nach der Handlungsfähigkeit von visueller Kommunikation, um zu einer Veränderung in der Welt beizutragen. Und weil «Veränderung in der Welt» sehr breit gefasst ist, habe ich einen Schwerpunkt auf ökologische Nachhaltigkeit gesetzt.

Ökologische Nachhaltigkeit ist ein komplexes, systemisches Problem. Ich möchte und kann daher keine abschliessende Lösung liefern, sondern lediglich den Diskurs fördern und ein Bewusstsein für verschiedene Aspekte von Nachhaltigkeit im Design und deren Relevanz aufzeigen. Auch wenn ich den Fokus auf ökologische Nachhaltigkeit gelegt habe, möchte ich die intersektionalen Verknüpfungen, welche dieser Bereich in sich trägt, immer auch mitdenken. Das heisst, dass die Thematik stark mit verschiedenen Formen von Unterdrückung und Diskriminierung zusammenhängt.

Die Designtheoretikerin Ramia Mazé sprach in einem Interview mit dem Online-Magazin Speculative über Designreflexion und sagt, dass es dabei nicht nur darum ginge, theoretische Diskussionen über Design zu führen, sondern vielmehr um eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten einer Designpraxis, wie beispielsweise das Nachdenken über die Auswirkungen ausserhalb von Design, die unsere gestalterische Tätigkeit verursacht. Sich mit den Hintergründen und Konsequenzen unseres Schaffens auseinanderzusetzen, gehört für mich genauso zu einer Praxis, wie das Gestalten selbst. Diese Arbeit ist eine erste Annäherung an eine solche praxisorientierte Designreflexion aus dem Blickwinkel der ökologischen Nachhaltigkeit.

Joycelyn Longdon, die Gründerin der Onlineplattform Climate in Color, weist an einer Podiumsdiskussion zu Ökologie und Design an der AIGA (American Institute of Graphic Arts) Design Konferenz im Jahr 2020 darauf hin, dass Nachhaltigkeit sehr vielseitig angegangen werden kann. Visuelle Kommunikation sei dabei nicht der Bereich, der das Problem lösen werde, sondern lediglich einer von vielen Bereichen, der zu einem Wandel beitragen könne. Doch wie genau können wir tatsächlich zu einer Veränderung beitragen?

Als Erstes müssen wir uns bewusstwerden, dass wir als visuelle Kommunikator*innen oft an Projekten arbeiten, die von sehr vielen Menschen gesehen werden. Dadurch haben wir eine grosse Reichweite und somit auch ein Handlungspotential. Wenn es um Nachhaltigkeit im Design geht, beschränkt sich die Diskussion jedoch oft auf ressourcensparende Ansätze. In einem Interview mit Eye on Design AIGA teilte die Grafikerin Benedetta Crippa 2020 ihr Model zu Handlungsebenen vor. Sie vertritt einerseits die Meinung, dass Nachhaltigkeit visuell inhaltlich und mit ressourcensparenden Ansätzen behandelt werden muss. Jedoch fügt sie hinzu, dass es bei Nachhaltigkeit in der visuellen Kommunikation auch darum ginge grundlegende Strukturen zu hinterfragen.

Eine solche grundlegende Struktur ist unsere Konsumkultur. Grafikdesign wird oft sehr eng mit der Förderung von Konsum verbunden. Doch genau dies sollte auch hinterfragt werden. Der Traum von grenzenlosem Wachstum lässt sich sehr schlecht mit Ansprüchen an ökologische Nachhaltigkeit vereinbaren, denn leider wurde in den letzten Jahrzehnten deutlich, dass die Ressourcen unseres Planeten begrenzt sind. Mir ist bewusst, dass nicht alle visuellen Kommunikator*innen ausserhalb von kommerziellen Bereichen arbeiten können, denn auch wir sind auf Geld angewiesen, um als Teil dieser Gesellschaft leben zu können. Daher war es mir wichtig nicht nur theoretische Texte und Manifeste zu lesen, sondern herauszufinden, wie diese in der Praxis umgesetzt werden können und wo es bei der Umsetzung Schwierigkeiten gibt.

Einen zentralen Teil dieser Arbeit bilden deswegen Interviews. Die Struktur ist darauf ausgelegt, dass dieses Projekt durch mehr Interviews ergänzt werden kann. Damit Besuchende dieser Website sich auch nur in einzelnen Themenbereichen vertiefen können, sind die Antworten erst thematisch geordnet und in einem nächsten Teil als ganzes Interview lesbar. Des Umfangs und der Verständlichkeit wegen, wurden die Interviews gekürzt und bearbeitet. Mir war einerseits daran gelegen, die Ansichten von Leuten ausserhalb des Grafikbereichs einzubeziehen – denn manchmal hilft eine Aussensicht. Andererseits wollte ich einen Bezug zur Praxis herstellen und somit auch Grafikdesigner*innen mit einer Innensicht befragen. Wie sieht ökologische Nachhaltigkeit im Design aus einer wissenschaftlichen, politischen oder unternehmerischen Sicht aus? Was kann eine Bildungsinstitution zu der Thematik beitragen? Was für Bereiche ausserhalb von Kommerz gibt es in der visuellen Kommunikation? Die Anknüpfungspunkte sind endlos. Daher verstehe ich diese Arbeit nicht als abgeschlossenes Projekt, sondern vielmehr als Anfang einer Auseinandersetzung. Ich wollte durch die Arbeit unter anderem Bereiche finden, die ich selbst gerne mit visueller Kommunikation unterstützen möchte. Ziel war aber auch, das gesammelte Wissen mit anderen teilen zu können.

Danke an Amelie Ritscher, Andrin Hodel, Bernhard Nick, Isabel Seiffert, Julia König, Nina Paim, Nina Zeh und Yannick Gauch für die spannenden Interviews! Aus zeitlichen Gründen und dem Umfang der Arbeit wegen sind (noch) nicht alle Interviews Teil dieser Plattform.

Merci Eliot Gisel, Max Frischknecht und Yannick Gauch für das Mentorieren dieser Arbeit und an Lukas Popp für die Hilfe bei technischen Fragen. Es hat Spass gemacht mit euch zu arbeiten!

Thank you Benedetta Crippa, Paulina Zybinska and Ted Davis for discussing the project with me.

Über Digitales

«We were told that the Internet would ‹dematerialise› society and decrease energy use. Contrary to this projection, it has become a large and rapidly growing consumer of energy itself.»

Kris De Decker, «How to Build a Low-tech Website»

«There is no small irony in the fact that a company sharing a name with the largest tropical rainforest in the world is significantly contributing to environmental destruction. […] Empirical findings have shown that digital technologies contribute to 4% of overall greenhouse gas emissions, a number expected to double by 2025.» (Publiziert: 2019)

Elettra Bietti & Roxana Vatanparast, «Data Waste»

Beim Thema Ressourcen vergessen wir oft das Digitale. Der Ressourcenverbrauch bei einem gedruckten Plakat ist vielen Leuten klar und zudem nach dem Drucken und Aufhängen grösstenteils abgeschlossen. In digitalen Medien hingegen ist der Ressourcenverbrauch sehr abstrakt und meist unsichtbar. So werden auch die Auswirkungen von digitalen Medien kaum diskutiert.

Damit das ganze etwas fassbarer wird: Auf der Website der Digitalen Gesellschaft, eines Vereins, der sich für Nachhaltigkeit und Freiheit in der digital vernetzten Welt einsetzt, steht zum Thema Nachhaltigkeit, dass die Digitalisierung jährlich ca. gleich viel Treibhausgasemissionen verursache wie der Flugverkehr. Dabei beziehen sie sich auf Statistiken, die im Jahr 2019 veröffentlicht wurden. Die Datenmenge im Internet wird allerdings immer grösser. Damit steigt auch der Ressourcenverbrauch ständig und in grossem Ausmass. Wenn dabei bedacht wird, dass ein grosser Teil der Menschheit nie ein Flugzeug von innen sieht und auch der Zugang zu Internet (geschweige denn zu Internet, das auf datenintensiven Gebrauch ausgelegt ist) nicht selbstverständlich ist, dann sind diese Zahlen umso bedenklicher.

Wir sind uns gewohnt, dass wir rund um die Uhr über das Internet Zugang zu Daten haben. Auch selbstverständlich ist für uns, dass diese Inhalte verfügbar bleiben. Die Hardware und der Stromverbrauch der Server während der Zeit, in der wir eine Website nicht besuchen, muss also auch bedacht werden. Ville-Matias Heikkilä, ein Programmierer, der sich mit low-tech Ansätzen beschäftigt, schreibt in dem Artikel «Permacomputing» dass eine Computerkultur ohne grenzenloses Wachstum kaum vorstellbar sei. Er findet aber auch, dass digitale Medien, die viel Energie verbrauchen nicht an sich schlecht seien. Es sei stark davon abhängig, woher die Energie komme, wie die Hardware produziert und wie oft durch neue Teile ersetzt würde.

Bei einer Website fängt der Grossteil des Ressourcenverbrauchs erst an, wenn sie online geschaltet wird. Eine andere Eigenheit dieses Mediums ist, dass ein Teil des Energieverbrauchs auf Betrachter*innenseite passiert. In dem Artikel «How to Build a Low-tech Website?», 2018 publiziert im Low-tech Magazine, sagt dessen Gründer und Autor Kris De Decker, dass es nicht ausreiche, den wachsenden Stromverbrauch alleine mit erneuerbaren Energien anzugehen, da das Internet bereits drei Mal mehr Energie verbrauche als mit Wind- und Solarenergie weltweit produziert würde.

Im Webdesign gibt es viele verschiedene Punkte, bei denen angesetzt werden kann, um nachhaltiger zu gestalten. Ein wichtiger Ansatzpunkt ist, die Datenmenge der Website zu reduzieren. Der Energieverbrauch kann sowohl auf Serverseite als auch auf dem Endgerät reduziert werden, indem die Rechenleistung und der Datenaustausch minimiert werden. Verschiedene Möglichkeiten um den Ressourcenverbrauch im Webdesign zu reduzieren finden sich z.B. in «The intro guide to digital eco-design» von Designers Ethiques oder in dem zuvor erwähnten Artikel des Low-tech Magazines. Ich möchte mit dieser Arbeit keine weitere Anleitung geben, wie eine Website gestaltet werden soll, denn es kommt oft zu Interessenskonflikten zwischen verschiedenen Aspekten. Wenn wir z.B. eine Website gestalten und dafür eine Schrift wählen, wäre es am energiesparend eine Systemschrift zu verwenden, da nicht extra eine Schriftdatei übertragen werden muss. Legen wir aber auch Wert auf die Repräsentation von Frauen oder nicht-binären Menschen in der Schriftgestaltung, sind wir schon ziemlich limitiert (Arial z.B. wurde immerhin von Patricia Saunders mitgestaltet). Wählen wir einen schwarzen Hintergrund, um Energie bei der Bildschirmleistung zu reduzieren, haben wir ziemlich limitierte Vorgaben wie eine Website auszusehen hat. Am nachhaltigsten wäre es natürlich in den meisten Fällen, gar keine Website zu machen. Die Grafikdesignerin Benedetta Crippa, die an der Konstfack in Stockholm ein Modul zu visueller Nachhaltigkeit unterrichtet, vertritt in ihrem Essay «The Color of Green» die Meinung, dass Nachhaltigkeit mehr als Verzicht sei, der in einer einheitlichen, möglichst reduzierten Gestaltung endet. Dadurch würden die bereits existierenden Machtstrukturen reproduziert werden, was nicht zu einer nachhaltigen Veränderung führe.

Es geht mir also nicht um puren Verzicht, sondern um ein bewusstes Abwägen verschiedener Aspekte.

Ressourcen

In dieser Sammlung möchte ich einige für mich nützliche und interessante Links teilen, falls sich Leute weiterführend zu den Themen informieren möchten.

Nachhaltigkeit im Design

First Things First Manifesto (2000) — Konsumkritisches Grafikdesign Manifest, Überarbeitung des First Things First Manifests von 1964

Benedetta Crippa in Eye on Design AIGA (American Institute of Graphic Arts), «What is Visual Sustainability» — Über die Handlungsebenen von Design und wie Machtstrukturen durch Form hinterfragt werden können

Benedetta Crippa, «The Colour of Green» — Eine Kritik an Nachhaltigkeit als Einschränkung der Kreativität. Wie reiner Verzicht und Reduktion die vorherrschenden Strukturen reproduziert.

«AIGA's Living Principles: A Living Reference for Responsible Design» — Gibt vor allem eine gute Übersicht über Texte zu Visionen, Prinzipien, Rahmenbedingungen und Werkzeugen (visions, principles, frameworks, tools)

Eye on Design AIGA «5 Takeaways fom EoDs Ecology + Design Panel Discussion» — Dokumentation einer Podiumsdiskussion, verschiedene Themen und Ansätze werden diskutiert

Lance Hosey in Places Journal, «The Shape of Green: Aesthetic Imperatives» — Über Design, Technologie und Ökologie

Dazed «A Future World — What does graphic design has to do with the end of the world?» — Interview mit Joycelyn Longdon (Gründerin von Climate in Color, setzt sich mit AI und Unterdrückung auseinander), Clive Russell (eines der Gründungsmitglider der Extinction Rebellion Kunstgruppe) und Seetal Solanki (Materialdesignerin)

Nachhaltigkeit in digitalen Medien

Low-tech Magazine — Viele Artikel zu low-tech und low-impact Ansätzen. Eine Solarbetriebene Version der Website.

Die Digitale Gesellschaft zu Nachhaltigkeit — Die Digitale Gesellschaft ist ein Verein, der sich für Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Demokratie in einer digital vernetzten Welt einsetzt. Der Artikel zu Nachhaltigkeit erklärt die Relevanz von Nachhaltigkeit in digitalen Medien, beschreibt Handlungsmöglichkeiten und gibt einige spannende Zahlen und Statistiken an. Gut für den Einstieg ins Thema.

Viznut a.k.a. Ville-Matias Heikkilä zu «Permacomputing» — Eine spannende Übersicht über verschiedene Projekte und Gruppierungen zu low-tech und low-impact Ansätzen

Revolutionized «Digital Waste: How Data Storage May Be Harming the Environment» — Über den Ressourcenverbrauch von digital gespeicherten Daten

Branch Magazine — Digital zugängliches Magazin von The Green Web Foundation zu Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit im Internet

Hundred Rabbits — Zwei Menschen, die Programmieren, Games, Comics, Kunst, Musik und vieles mehr machen und auf einem Segelschiff leben und ihre Reise und ressourcensparenden Ansätze dokumentieren

Designers Ethiques «The intro guide to digital eco-design» — Guide für Nachhaltigkeit in digitalen Medien

The Shift Project «‹Lean ICT: Towards Digital Sobriety›: Our New Report on the Environmental Impact of ICT»

Solar Protocol — Die Website hat an mehreren Standorten auf der Welt Server und wird immer von der Region aus gesendet, die gerade am meisten Sonne hat.

Nachhaltigkeit
Definition
Was ist Nachhaltigkeit für dich?
Amelie Ritscher hat Umweltnaturwissenschaften an der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) studiert und danach unter anderem beim BAFU (Bundesamt für Umwelt) und der UNO (United Nations Organisation) gearbeitet. Jetzt arbeitet sie bei einer Unternehmensberatung, weil sie findet, ihr impact könne sogar grösser sein, wenn sie Unternehmen dazu bringt nachhaltig zu handeln.

Für mich hängt das sehr stark mit planetary boundaries zusammen. Also dass man nicht mehr verbraucht, als sich in einem einigermassen vernünftigen Mass wieder regenerieren kann. Einen impact werden wir immer haben und du wirst nicht als Mensch auf der Erde leben können, ohne Spuren zu hinterlassen. Für mich ist die Definition von Nachhaltigkeit die, dass du nur so viel verbrauchst, dass alle nach dir mindestens gleich viel haben können wie du. Da sind wir im Moment weit, weit drüber.

Nina Paim hat in Brasilien und den Niederlanden Grafikdesign studiert, allerdings hat sie nicht lange als Grafikdesignerin gearbeitet. Sie ist Mitgründerin und Co-Direktorin von Futuress, einer Plattform, die sich an dem Schnittpunkt zwischen Feminismus, Design und Politik ansiedelt und Texte zu diesen Themenbereichen publiziert.

I don’t even know if I would use the word sustainability. What is the word sustainability? I don’t know. I’m sure there are plenty of definitions, but I don’t operate with definitions. I think it’s more interesting to ask a question than to define something and to stabilize a meaning. A question about sustainability is going to be a different question depending on the context that is being asked. It’s a different thing for me to ask the question than for another person to ask the question just because we come from different perspectives, and we are in different positions. That’s what I personally committed to doing: destabilizing things. Showing that it’s more about how we are looking, what we are trying to do, than to stabilize and say: «Okay, this is solved, we have solved sustainability because now we know what it is.» Because we don’t.

Was hast du für Ansätze für Nachhaltigkeit?
Amelie Ritscher hat Umweltnaturwissenschaften an der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) studiert und danach unter anderem beim BAFU (Bundesamt für Umwelt) und der UNO (United Nations Organisation) gearbeitet. Jetzt arbeitet sie bei einer Unternehmensberatung, weil sie findet, ihr impact könne sogar grösser sein, wenn sie Unternehmen dazu bringt nachhaltig zu handeln.

Grundsätzlich gibt es für mich drei Ansatzpunkte und die hängen sehr stark zusammen. Zum einen sind es die Unternehmen, die Wirtschaft, die produziert und so einen Grossteil des impacts generiert. Wie produzierst du selber in deiner Fabrik, was produzierst du und was hat das für einen impact im Lebenszyklus des Produkts. Im Moment gibt es Unternehmen, die einen Wert darin sehen proaktiv Schritte zu unternehmen, weil sie davon ausgehen, dass man irgendwann reguliert oder auch dass ihnen eine bessere Nachhaltigkeitsperformance einen kompetitiven Vorteil gibt — dass Leute ihre Produkte eher kaufen und sie dadurch einen Wettbewerbsvorteil haben.

Die nächste Einflussebene ist der persönliche Konsum — was kaufe ich, wie ernähre ich mich, wie stark heize ich mein Haus, wie viel fliege ich, wie viel nehme ich die Leistungen, welche die Wirtschaft produziert, in Anspruch.

Die dritte Ebene ist die Regulierung, die politische, staatliche Ebene. Ohne die funktioniert nichts. Der politische Prozess ist am Schluss die Gesellschaft, die sagt: «Hey, das ist ein gemeinsames Gut und wir einigen uns gemeinsam darauf, dass wir so und so viel davon verbrauchen.» Das ist etwas, was du nicht allein machen kannst. Man kann die einzelnen Bereiche kaum isolieren, es muss alles zusammen funktionieren.

Nina Paim hat in Brasilien und den Niederlanden Grafikdesign studiert, allerdings hat sie nicht lange als Grafikdesignerin gearbeitet. Sie ist Mitgründerin und Co-Direktorin von Futuress, einer Plattform, die sich an dem Schnittpunkt zwischen Feminismus, Design und Politik ansiedelt und Texte zu diesen Themenbereichen publiziert.

I don’t remember the quote, I think it was Angela Davis who said something: «You have to act as if it were possible to radically transform the world. And you have to do it all the time.» I don’t think we can choose between different approaches. I don’t think we can afford to choose. I also don’t think we should be too busy thinking that we should reach consensus. That’s probably a tricky one. Of course, in certain spheres and certain contexts like maybe the UNO (United Nations Organisation) and the COP26 (26th United Nations Climate Change Conference of the Parties) consensus is good. But I don’t think that as a society we need to first agree on how we are going to tackle climate change. «Okay, let’s agree that we’re all going to be vegan.» — «Okay, let’s agree that we’re all going to stop flying.» I don’t think so. I think that we can all do something, and we can all do different things. Not even as designers but as humans. We can do different things because we’re different people and we’re in different contexts. I’m a non-conformist, so it’s really hard for me to operate in those generalizations. I’m interested in having a conversation about what I, Nina, can do with my own resources, in my own household and with my practice. That doesn’t mean that I don’t want to share learning outcomes that I have from past projects.

Haltung
Was ist denn deine Motivation für deine Arbeit?
Amelie Ritscher hat Umweltnaturwissenschaften an der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) studiert und danach unter anderem beim BAFU (Bundesamt für Umwelt) und der UNO (United Nations Organisation) gearbeitet. Jetzt arbeitet sie bei einer Unternehmensberatung, weil sie findet, ihr impact könne sogar grösser sein, wenn sie Unternehmen dazu bringt nachhaltig zu handeln.

Ich habe ein sehr grosses Fairnessempfinden. Ich finde es ganz schwierig mit Egoismus umzugehen. Die Art von: «Ich lebe über die Grenzen von dem, was mir eigentlich zusteht, hinaus.» hat für mich eine Ungerechtigkeit, die mich ziemlich wütend macht. Also dass jemand findet: «Dieses Auto steht mir zu.» Da finde ich: «Nein, dir steht überhaupt kein Auto zu. Du kannst dir ein Auto leisten, weil du in der nördlichen Hemisphäre wohnst und geboren wurdest, aus reinem Glück, und vor 100 Jahren jemand den Verbrennungsmotor erfunden hat und du jetzt fossile Ressourcen in die Luft bläst. 200 Jahre nach dir kann das niemand mehr. Aber schön hast du das Gefühl, dir stünde ein Auto zu.» Meine Motivation kommt stark aus diesem Konflikt, dass ich es eigentlich unfair finde, wenn man über seine Verhältnisse hinauslebt.

Würdest du dich als Aktivistin bezeichnen?
Amelie Ritscher hat Umweltnaturwissenschaften an der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) studiert und danach unter anderem beim BAFU (Bundesamt für Umwelt) und der UNO (United Nations Organisation) gearbeitet. Jetzt arbeitet sie bei einer Unternehmensberatung, weil sie findet, ihr impact könne sogar grösser sein, wenn sie Unternehmen dazu bringt nachhaltig zu handeln.

Es kommt sehr auf den Kontext drauf an. In der Firma, in der ich angefangen habe, würde ich mich als Aktivistin bezeichnen. Gegenüber jemandem, der*die sich bei Extinction Rebellion einbringt würde ich sagen: «Okay, ich sitze viel zu sehr auf dem Sofa.» Ich bin jetzt nicht eine, die sich noch ultra engagiert und irgendwelche Sitzstreiks organisiert oder so. Ich bin in dem Sinn aktivistisch, dass ich mir z.B. sehr bewusst kein Auto kaufe und mit meiner ganzen Familie jedes Mal einen Streit anfangen muss, weil sie finden: «Ah, warum hast du kein Auto.» und ich finde: «Warum HAST du ein Auto?» Wenn das Aktivismus ist, dann mache ich das. Wenn ich mich selbst platzieren müsste im Spektrum von aktivistisch zu nicht-aktivistisch, würde ich mich nicht auf gar-nicht-aktivistisch, aber eher in der nicht-aktivistischen Hälfte einordnen. Dafür schäme ich mich manchmal ein bisschen, aber ich kann es einfach nicht besser.

Wie würdest du denn Aktivismus definieren?
Amelie Ritscher hat Umweltnaturwissenschaften an der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) studiert und danach unter anderem beim BAFU (Bundesamt für Umwelt) und der UNO (United Nations Organisation) gearbeitet. Jetzt arbeitet sie bei einer Unternehmensberatung, weil sie findet, ihr impact könne sogar grösser sein, wenn sie Unternehmen dazu bringt nachhaltig zu handeln.

Das ist eine schwierige Frage. Das habe ich mir noch nie wirklich überlegt. Es hängt schon sehr stark damit zusammen, sich für etwas zu engagieren und dafür auch mal einen Konflikt einzugehen. Für mich ist Aktivismus immer mit einem Konflikt assoziiert. Bereit zu sein, für seine Überzeugungen einzustehen, und zu sagen: «Das ist meine Überzeugung und das ist meine Wertvorstellung.» Meistens braucht man ja gar nicht mehr für einen Konflikt. Das ist eigentlich eine sehr milde Form von Aktivismus.

In einem zweiten Teil hat für mich ein richtiger, realer Aktivismus eine öffentlichkeitswirksame Komponente. Das ist etwas, was ich gar nicht mache. Dass du dich nicht nur im Privaten, sondern auch im gesellschaftlichen Dialog engagierst. Das ist eine Komponente, der ich ausweiche.

Intersektionalität
Du hast jetzt auch viel über andere Themen (Feminismus, Menschenrechte, Rassismus, Kapitalismus) geredet. Was für einen Zusammenhang hat das zu ökologischer Nachhaltigkeit?
Nina Paim hat in Brasilien und den Niederlanden Grafikdesign studiert, allerdings hat sie nicht lange als Grafikdesignerin gearbeitet. Sie ist Mitgründerin und Co-Direktorin von Futuress, einer Plattform, die sich an dem Schnittpunkt zwischen Feminismus, Design und Politik ansiedelt und Texte zu diesen Themenbereichen publiziert.

I don’t think it’s possible to separate any of these things, I think that’s what is the most daunting. Any struggle for justice is completely intersectional. You cannot talk about environmental justice if you don’t talk about spacial justice or social justice. At Futuress we are a feminist platform for design politics. That’s how we temporarily at least found a way to introduce ourselves. That in itself means for us that we’re acutely aware of all those entanglements. A conversation about feminism is a conversation about sustainability, they’re not two different kinds of conversations. I think that’s very hard for people to accept. The way how we are brought up, we are so much trained to separate things and to seek simplicity, find models that are simplified to make sense of the chaos. It’s never resolving anything, it’s never closing anything, it’s always staying with a mess.

Amelie Ritscher hat Umweltnaturwissenschaften an der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) studiert und danach unter anderem beim BAFU (Bundesamt für Umwelt) und der UNO (United Nations Organisation) gearbeitet. Jetzt arbeitet sie bei einer Unternehmensberatung, weil sie findet, ihr impact könne sogar grösser sein, wenn sie Unternehmen dazu bringt nachhaltig zu handeln.

Das ist eine sehr spannende Frage. Ich setze mich noch nicht so lange mit der Intersektionalität dieses Problems auseinander. Für mich ist das eine sehr neue Dimension, über die ich auch noch sehr viel lernen muss. Ich komme aus der ökologischen Nachhaltigkeit, wo es mehr um Sachen wie Öl und da wird irgendwie CO2 in die Luft geblasen und irgendwann gibt es keine Korallenriffe mehr usw. geht. Das ist eine sehr klassische Perspektive, die ich an der Uni gelernt habe und eigentlich auch schon im Gymnasium vermittelt bekommen habe. Mit der Intersektionalität habe ich mich jetzt erst seit ca. 1-2 Jahren bewusst angefangen auseinanderzusetzen und da bin ich noch zu wenig weit, um das in meinen Alltag und meine Tätigkeit einfliessen lassen zu können. Dort bin ich noch sehr stark in einem Lernprozess.

Nachhaltigkeit im Design
Handlungsfähigkeit
Wo siehst du ist die Handlungsfähigkeit von visueller Kommunikation, um Nachhaltigkeit zu behandeln und zu fördern?
Isabel Seiffert arbeitet als Grafikdesignerin bei Offshore in Zürich, welches sie zusammen mit Christoph Miler gegründet hat. Selbstinitiierte Projekte, Unterrichten und Auftragsarbeiten nehmen bei ihnen ca. gleich viel Platz ein. Eines ihrer ersten Projekte, war «Migrant», eine Publikationsreihe zu Migration im weitesten Sinne.

Wir schreiben uns nicht auf die Fahne, dass wir Nachhaltigkeit fördern oder thematisieren. Unser Ansatz ist vielleicht subtil. Die Themen, mit denen wir uns ausserhalb von der Grafik beschäftigen fliessen ebenso in unsere Arbeit mit ein, wie unsere Lebensweise und unsere Ansichten. Eine aktivistische Kampagne zu starten, würde nicht zu uns passen. Wir setzen uns mit Themen auseinander, stellen Fragen und kontextualisieren diese. Dabei legen wir Wert auf Vielschichtigkeit und hoffen, dass Fragen aufgeworfen werden. Im Idealfall können wir verschiedene Perspektiven sichtbar machen, ohne didaktisch oder dogmatisch zu sein.

Amelie Ritscher hat Umweltnaturwissenschaften an der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) studiert und danach unter anderem beim BAFU (Bundesamt für Umwelt) und der UNO (United Nations Organisation) gearbeitet. Jetzt arbeitet sie bei einer Unternehmensberatung, weil sie findet, ihr impact könne sogar grösser sein, wenn sie Unternehmen dazu bringt nachhaltig zu handeln.

Das Thema Nachhaltigkeit und was wie viel impact hat ist wahnsinnig komplex. Auf einer wissenschaftlichen Ebene hat das eine Komplexität, die nicht erfassbar ist. Was die visuelle Kommunikation bzw. jemand, der*die gut visuell kommuniziert, in der Regel kann, ist die wichtigen Teile sehen und diese viel einfacher erfassbar machen. Das Wesentliche herauspicken und zu kommunizieren ohne dass man vier Seiten Text lesen muss. Gute visuelle Kommunikation schafft es dort sozusagen oft die intellektuelle Eben zu überspringen, dass es emotional fassbar wird. Ich glaube, nur das bewirkt auch eine Verhaltensänderung. Sehr häufig passieren 100 Sachen gleichzeitig. Dann kommt etwas wie ein Klimastreik. Es macht *schnips* und es sind 35’000 Leute auf der Strasse. Das hat einen wahnsinnigen Lawineneffekt. Das ist in allen Zeitungen und alle Politiker*innen finden plötzlich: «Oh, shit. Da sind ja Leute.» Es finden dann auch Leute, die sich nicht unbedingt mit dem Thema auseinandersetzen plötzlich: «Ahja stimmt, shit.» und ein halbes Jahr später finden die dann: «Okay, jetzt wähle ich mal die Grünen oder saniere meine Heizung.» Die zivilgesellschaftliche Entwicklung kann accountability generieren — eine Verantwortung gegenüber der Politik und gegenüber der Industrie, der Wirtschaft. Ich denke, die visuelle Kommunikation ist einer der Schlüssel um die zivilgesellschaftlichen Kräfte zu Bündeln und in eine Richtung zu bewegen.

Ein Problem ist oft, wenn du als Forscherin zu jemandem kommst, der*die visuelle Kommunikation macht, bis du ein gemeinsames Verständnis von der Sache hast, dauert es recht lange. Ich habe diesen Prozess schon ein paarmal gespielt. Du kommst und findest: «Ich habe jetzt diesen Fakt und mach mir doch bitte eine schöne Infografik dazu.» und dann kommt etwas zurück und du findest: «Uh, nein. Das kannst du so nicht sagen.» Auf der anderen Seite bin ich dann ein völliger Vollpfosten, wenn es darum geht etwas sinnvoll zu kommunizieren. Ich finde dann immer: «Man braucht noch 700 Details mehr.» und die in der visuellen Kommunikation finden: «Mehr als drei bullet points liest eh keine Sau.» Es ist ja nicht nur das Fachwissen, sondern auch wie jemand an so eine Fragestellung herangeht. Dort ein gegenseitiges Verständnis zu schaffen, wäre ein sehr spannendes Feld. Dort sehe ich sehr viel Potenzial.

Kannst du mir ein Beispiel geben, wie du Nachhaltigkeit in deine Praxis miteinbeziehst?
Nina Paim hat in Brasilien und den Niederlanden Grafikdesign studiert, allerdings hat sie nicht lange als Grafikdesignerin gearbeitet. Sie ist Mitgründerin und Co-Direktorin von Futuress, einer Plattform, die sich an dem Schnittpunkt zwischen Feminismus, Design und Politik ansiedelt und Texte zu diesen Themenbereichen publiziert.

Not long ago I was part of this project called Srijan-Abartan. It started because we were approached by the Dhaka Art Summit which is a huge art event in Bangladesh in Dhaka that lasts around 10 days and has a huge visitation. They have a lot of artists from Bangladesh, India, and Pakistan, it really connects that whole region there in a very interesting way. Bangladesh is considered ground zero for global warming because it’s a country that is nested in this network of rivers. The ice caps of the Himalayas have been melting so the waters have been rising because of global warming. Then there is this huge art event and a lot of the artists of the region are talking about climate change because that’s their reality. They are making works about migration connected to climate change and many other related topics. How can the exhibition itself be reflective of this?

We created a workshop where we thought about strategies for exhibition-making and unmaking. With this workshop, we generated guidelines for a public building that is located in the centre of Dhaka. For example one of the guidelines was like: «Everything you do to the building, think about a long-lasting contribution because this is a public building.» If you make a temporary exhibition it’s not temporary, it’s permanent because you generate a shitload of trash. What do you do with this trash that you don’t see, that ends up somewhere? One of the things we did was to calculate the CO2 emissions of the previous summit. Then we knew what things are the most CO2 emitting: particle boards, to create white cubes. We also realized that the idea of making an exhibition is a western one. Then somehow it ends up that Bangladesh is making white cubes but to make white cubes they are producing these crazy rooms with particle boards. They also have to be climate isolated because this art needs to be in air conditioning (AC). You need to have AC in four white walls for it to be called art. Part of the work that we did was to think about what the most CO2 emissions are but then it means that we need to redefine our own idea about what an exhibition should be. «Do we need walls?» — «No.» — «Do we need AC?» — «No.» — «What happens if we don’t have windows?» The amount of effort that the design team had to do to convince the patrons not to have AC even included getting all the data for the last 10 years of rains in Dhaka to prove that the chances for raining would be very low, therefore you could have the windows open and the air would circulate. That was a huge piece of research just to convince people to say: «Let’s not build walls.» The act of not designing, not making, not building was so much effort. We are so much trained to solve things by making. But not making is also a way of making.

Was für eine Rolle spielt Nachhaltigkeit bei euch?
Yannick Gauch ist in der Stadt Luzern Präsident der SP und im grossen Stadtrat. Er arbeitet als Grafiker bei Büro Zwoi, welches er mitbegründet hat. Durch ihr privates Engagement kommen viele ihrer Aufträge aus einem kulturellen oder politischen Bereich.

Wir versuchen unseren Kund*innen grundsätzlich auf Nachhaltigkeit aufmerksam zu machen. Die ganzen Produktionsmittel sind in unserer Branche sicher ein wichtiger Punkt. Wir achten z.B. darauf, Papier mit einem blaues Engel Siegel oder ähnlichen Labels zu verwenden. Zudem haben wir auch schon Aufträge abgelehnt, bei denen Kund*innen im Ausland drucken und produzieren wollten. Wenn das die Bedingung ist, dann können wir nicht dahinterstehen. Einerseits ist es ökologisch völliger Unsinn so zu wirtschaften und andererseits wollen wir an einer Druckmaschine die Farbabstimmungen machen können. Wenn wir den*die Produzent*in kennen, dann wissen wir, dass das Endprodukt auch unseren qualitativen Ansprüchen gerecht wird.

Was wir auch immer mehr machen, ist in Frage zu stellen, ob überhaupt ein Printprodukt das passende Medium ist. Wenn z.B. die Kund*innen vorschlagen, einen Flyer mit einem Teamfoto drauf zu produzieren, werden wir hellhörig. Die Konstellation innerhalb eines Teams kann sich schnell ändern und das Printprodukt landet im Altpapier. In so einem Fall legen wir den Kund*innen dann eher eine digitale Lösung ans Herz.

Wir versuche den Kund*innen auch mitzugeben, dass sie ihre nachhaltige Firmenphilosophie ruhig vermarkten dürfen – natürlich ohne Greenwashing zu betreiben. Auf Printprodukte empfehlen wir z.B. Labels wie «Printed in Switzerland» oder CO2-kompensiert aufzuführen. Wir sagen den Kund*innen dann jeweils, dass sie eine solche Mehrinvestition auch als eine Werbemassnahme für ihre Firma oder Organisation betrachten müssen.

Rolle von Design
Was für eine Rolle hat Gestaltung für dich?
Isabel Seiffert arbeitet als Grafikdesignerin bei Offshore in Zürich, welches sie zusammen mit Christoph Miler gegründet hat. Selbstinitiierte Projekte, Unterrichten und Auftragsarbeiten nehmen bei ihnen ca. gleich viel Platz ein. Eines ihrer ersten Projekte, war «Migrant», eine Publikationsreihe zu Migration im weitesten Sinne.

Gestaltung sehe ich als Vermittlungsinstrument. Gleichzeitig ist mir das Formale extrem wichtig. Diesen beiden Teilen schreibe ich gleich viel Gewicht zu. Ich lege Wert auf zeitgenössische Themen, die auch ausserhalb von Kommerz stattfinden, allerdings möchte ich mich nicht nur in Worten und Konzepten verlieren. Am Ende müssen die Inhalte auch kommuniziert werden.

Yannick Gauch ist in der Stadt Luzern Präsident der SP und im grossen Stadtrat. Er arbeitet als Grafiker bei Büro Zwoi, welches er mitbegründet hat. Durch ihr privates Engagement kommen viele ihrer Aufträge aus einem kulturellen oder politischen Bereich.

Ich habe am Anfang sehr gezweifelt, ob ich überhaupt Grafiker werden soll. Am Anfang habe ich mir gedacht, die Grafiker*innen sind eigentlich einer die perfidesten Teile im Kapitalismus, denn das sind die Leute, die den Menschen Zeug verkaufen, dass sie gar nicht brauchen, um Profit für andere zu generieren. Du drehst den Leuten mit deiner Werbung irgendeinen Scheiss an, den sie gar nicht brauchen, trägst dazu zu einer grösseren Umweltkriese bei, damit sich andere bereichern können. In diesem Moment musst du dich fragen, was du genau machen willst. Unser Ziel ist es nicht, Werbung für die UBS oder Amazone zu machen, sondern wir versuchen unsere visuellen Dienstleistungen besonders dort einzusetzen, wo wir denken, dass wir mithelfen können etwas zu verändern.

Grundsätzlich finde ich wichtig, dass man sich als Gestalter*in auch mit der Gesellschaft auseinandersetzt. Ich finde, es gehört dazu im Grafikdesign und allgemein in der Gestaltung, dass man offen durchs Leben geht und sich Gedanken macht, wie sich die Gesellschaft entwickeln soll und wo man sich einbringen kann. Wenn wir eine gesellschaftliche Veränderung erreichen wollen, ist Kommunikation etwas vom Wichtigsten — im ökologischen oder ökonomischen Sinn. Ich finde, es sollte auch Teil der Ausbildung sein, dass junge Grafiker*innen auf diese Themen sensibilisiert werden.

Wenn man z.B. die Klimajugend betrachtet, die viel digitale Kommunikationskanäle nutzt, ist das immer eine Form von Kommunikation und muss gestaltet werden. Wenn man sich dort einbringt und seine gestalterischen Fähigkeiten zur Verfügung stellt, dann ist das sicher etwas Gutes.

Wie könnten solche Netzwerke oder auch ein breiterer Diskurs gefördert werden?
Yannick Gauch ist in der Stadt Luzern Präsident der SP und im grossen Stadtrat. Er arbeitet als Grafiker bei Büro Zwoi, welches er mitbegründet hat. Durch ihr privates Engagement kommen viele ihrer Aufträge aus einem kulturellen oder politischen Bereich.

Das ist schwierig. Was z.B. ein Ansatz sein kann, sind Verbindungstreffen. In Luzern haben wir z.B. etwas, das heisst Show & Tell, damit hat Erich Brechbühl angefangen, wo sich Gestalter*innen regelmässig zu einem Bier treffen und dann alle kurz Arbeiten vorstellen, an denen sie gerade arbeiten. Das ist ein offenes, loses Netzwerk. Ich finde so Vernetzungstreffen sind interessant, weil man dort auch Leute aus Agenturen abholen kann und an solchen Orten auch die Diskussionen führen könnte, die wir gerade führen: «Was ist die soziale Verantwortung von Gestalter*innen?»

So etwas finde ich sinnvoll. Oder auch, dass andere Netzwerke und Verbände versuchen zu sensibilisieren auf diese Fragen, z.B. der SGD (Swiss Graphic Designers) oder der SGV (Schweizer Grafiker Verband). Die könnten das durchaus mal zum Thema machen. Das soll ja auch nicht belehrend sein, sondern kann in Form von einer Diskussion sein. Da kann auch jemand sagen: «Das ist mir alles scheissegal, ich will einfach Kohle verdienen mit meinem Job.» Ich finde einfach den Diskurs über unsere Arbeit wichtig.

Wie würdest du deine Rolle in deinen Projekten beschreiben?
Nina Paim hat in Brasilien und den Niederlanden Grafikdesign studiert, allerdings hat sie nicht lange als Grafikdesignerin gearbeitet. Sie ist Mitgründerin und Co-Direktorin von Futuress, einer Plattform, die sich an dem Schnittpunkt zwischen Feminismus, Design und Politik ansiedelt und Texte zu diesen Themenbereichen publiziert.

I think my role in all these projects that I’m talking about is that of a facilitator, a midwife somehow. I think the hardest part is to actually bring people into the room. Then to propose the topic. That is not even in itself enough for the conversation to happen. You can bring a stellar array of super interesting people together who are excited about making interesting work about sustainability but if they have to stand over 15 minutes in the cold, they are not going to exchange anything relevant. You need to design the room where the conversations are going to happen. When you do that, you think about who is entering the room? Who is not entering the room? How do you give access to people? How do you restrain? How do you make it a safer space? How will they talk? Are they just supposed to talk? Maybe there is some food. Maybe there is a film. You start thinking about how you engage people in the conversation. It’s always a work of hope. Perhaps it’s going to work out and maybe something interesting is going to happen. People are going to open up and share something and there is going to be a spark. Somebody is slightly going to change their perception or mindset or world view. But you don’t know.

Kommerz
Oft sind Gestalter*innen auf das Geld aus kommerziellen Bereichen angewiesen. Wie ist das bei euch und wie findet ihr da eine Balance?
Yannick Gauch ist in der Stadt Luzern Präsident der SP und im grossen Stadtrat. Er arbeitet als Grafiker bei Büro Zwoi, welches er mitbegründet hat. Durch ihr privates Engagement kommen viele ihrer Aufträge aus einem kulturellen oder politischen Bereich.

Also eine Balance haben wir eigentlich nicht. Ich würde sagen, von unseren Arbeiten sind 80% Politik und Kultur und vielleicht 20% klassische Wirtschaft. Der Teil Wirtschaft, den wir haben, sind häufig Leute, die andere Arbeiten von uns kennen, die z.B. im Kulturbereich entstanden sind, und finden, dass so etwas auch zu ihrem KMU passt. Wir haben sicher gewisse politische Grundsätze, wo wir alle dahinterstehen können. Unsere Arbeiten und unsere Kund*innen bewegen sich grossmehrheitlich politisch in einem linken Umfeld. Es ist für uns wichtig, für Projekte arbeiten zu können, hinter denen wir selbst auch stehen können.

Aber es ist natürlich schon ein Unterschied, ob du so wie wir aufgestellt bist oder eine grosse Werbeagentur mit 60 Angestellten leitest, die den ganzen Tag Werbung für Amazon oder so machen. Die haben ganz einen anderen Ansatz. Die funktionieren ziemlich anders als wir und haben wahrscheinlich auch andere Ziele und einen anderen Anspruch an ihren Lebensinhalt.

Schlussendlich müssen alle von irgendetwas leben. Es gibt zu viele Gestaltende, als dass niemand in so Agenturen wäre. Dafür ist in der Branche einfach zu wenig Geld da, dass man Hunderte von Grafiker*innen nur mit Kulturaufträgen über Wasser halten könnte. Irgendwo durch ist es wahrscheinlich auch ein Luxus, dass wir uns das leisten können, das zu machen, was wir gerne tun. Wir sind hier in einer sehr privilegierten Situation, das ist uns bewusst.

Isabel Seiffert arbeitet als Grafikdesignerin bei Offshore in Zürich, welches sie zusammen mit Christoph Miler gegründet hat. Selbstinitiierte Projekte, Unterrichten und Auftragsarbeiten nehmen bei ihnen ca. gleich viel Platz ein. Eines ihrer ersten Projekte, war «Migrant», eine Publikationsreihe zu Migration im weitesten Sinne.

Das ist Teil des Systems. Es ist eine individuelle Entscheidung, die ich sehr schwierig finde. Unsere Kund*innen kommen meist aus kulturellen Bereichen und sind selten klassisch kommerziell. Wir wurden einmal von einer grossen Modefirma angefragt. Christoph und ich haben diskutiert, ob wir diesen Auftrag annehmen sollten und waren zwiegespalten. Da wir keine Zeit hatten, lehnten wir den Auftrag ab. Im Vergleich zu unseren peers sind wir eventuell etwas zögerlicher, mit wem wir zusammenarbeiten. Manchmal hinterfrage ich, ob wir zu extrem sind, allerdings hat sich die Frage bis jetzt auch selten gestellt. Durch unsere selbstinitiierten Projekte sind die meisten Anfragen, die wir bekommen aus dem Kultursektor und passen thematisch sehr gut zu uns.

Allerdings möchte ich eine klassisch kommerziell geprägte Praxis keinesfalls verurteilen. Es entsteht ein Paralleluniversum, wenn Grafiker*innen nur ausserhalb der Wirtschaft arbeiten. Deswegen finde ich es wichtig, dass kritisches Denken in der Ausbildung einen Platz hat. Nur so können Absolvent*innen, die nach dem Studium in kommerziellen Kontexten arbeiten, auch dort die ästhetischen Mittel hinterfragen. Nach der Ausbildung fehlt oft der Platz für kritische Auseinandersetzungen im Beruf. Deswegen unterrichte ich selten das 1×1 des Layoutens, ohne einen inhaltlichen Bezug herzustellen. Meist wird das von den Studierenden sehr begrüsst.

Ich sage den Absolvent*innen: «Wenn ihr eine Vision habt, wie und für was ihr gerne arbeiten möchtet, dann fangt erstmal selbst damit an. Angefragt werdet ihr meistens für das, was sichtbar ist.» So hat man eine gewisse Handlungsfähigkeit darüber, was für Aufträge man bekommen kann. Wenn man nur visuelle Identitäten für Restaurants im Portfolio zeigt, wird das auch den Grossteil der Anfragen ausmachen.

Persönlicher Umgang
work-life balance
Du investierst sehr viel Zeit in deine Projekte. Wie sieht deine work-life-balance aus?
Isabel Seiffert
arbeitet als Grafikdesignerin bei Offshore in Zürich, welches sie zusammen mit Christoph Miler gegründet hat. Selbstinitiierte Projekte, Unterrichten und Auftragsarbeiten nehmen bei ihnen ca. gleich viel Platz ein. Eines ihrer ersten Projekte, war «Migrant», eine Publikationsreihe zu Migration im weitesten Sinne.

Uuh, schwieriges Thema. Mein Umfeld sagt immer, dass sie keine Leute kennen, die so viel arbeiten wie Christoph und ich. Für uns ist es eine Entscheidung. Kürzlich haben wir diskutiert, dass der Arbeitsaufwand momentan zu gross ist. Letztes Jahr waren wir im Frühjahr am gleichen Punkt wie jetzt, wo sich unsere Projekte überschlagen haben. Im Sommer waren wir ausgebrannt. Zu Beginn unserer Zusammenarbeit, hatten wir nie Wochenenden. Wir sind sehr angetrieben von unseren Projekten, das ist Teil unserer Praxis. Es gab aber einige kritische Momente, in denen wir erschöpft waren, weshalb wir unsere Arbeitsweise schon zu einem gewissen Grad überdenken wollen. Wir haben entschieden, dass wir alternieren wollen zwischen Auftragsarbeiten, selbstinitiierten Projekten und Unterrichten, um uns mehr auf die einzelnen Bereiche fokussieren zu können und nicht immer alles gleichzeitig zu meistern.

Wo ziehst du die Grenze zwischen politischem Engagement und deiner gestalterischen Tätigkeit?
Yannick Gauch ist in der Stadt Luzern Präsident der SP und im grossen Stadtrat. Er arbeitet als Grafiker bei Büro Zwoi, welches er mitbegründet hat. Durch ihr privates Engagement kommen viele ihrer Aufträge aus einem kulturellen oder politischen Bereich.

Das ist schwierig, weil die beiden Bereiche für mich ineinander hinein fliessen. Wenn ich bei der SP engagiert bin, ist das ehrenamtliche Arbeit. Wenn ich etwas gestalte, z.B. für die SP, dann verlange ich auch etwas dafür. Es geht mir dabei ums Prinzip. Das eine ist meine Arbeit und davon muss ich leben, meine Miete und Krankenkasse bezahlen können. Das andere ist ehrenamtliches Engagement. Das versuche ich dann so gut wie möglich zu trennen. Wenn ich etwas gestalte, dann mache ich das nicht ehrenamtlich.

Frustration
Ich finde es oft auch sehr frustrierend sich mit diesen Themen zu beschäftigen, gerade wenn man erkennt, wie weitreichend diese Probleme sind. Wie gehst du damit um?
Amelie Ritscher hat Umweltnaturwissenschaften an der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) studiert und danach unter anderem beim BAFU (Bundesamt für Umwelt) und der UNO (United Nations Organisation) gearbeitet. Jetzt arbeitet sie bei einer Unternehmensberatung, weil sie findet, ihr impact könne sogar grösser sein, wenn sie Unternehmen dazu bringt nachhaltig zu handeln.

Lustig, sprichst du das gerade an. Ich habe das neulich mit einer guten Freundin diskutiert. Wir hatten einen sehr intensiven Prozess im Studium. Wir hatten so 35 Stunden Vorlesung in der Woche und jedes Mal stand ein*e Professor*in vorne und findet: «Ja, also… So wäre es cool. Im Moment ist es scheisse. Wir wüssten, wie es gehen würde. Wir wissen es seit 15 Jahren. Niemand macht etwas.» Das war ziemliches Training der Frustrationstoleranz. Das war ein Dauerprozess und bis zu einem gewissen Punkt ein Abstumpfen. Ich habe es irgendwann angefangen, in spheres of influence zu zerlegen. Was kann ich beeinflussen und was liegt ausserhalb von meinem Einflussbereich? Jedes Mal, wenn der Frust zu gross wird habe ich mir gesagt: «Das liegt ausserhalb von deinem Einflussbereich. Es ist scheisse, dass es so ist, aber cut yourself some slack.» Das braucht sehr viel Übung.

Auch sich mit dem eigenen Fundamentalismus zu konfrontieren und zu merken, dass man an gewissen Orten nicht alle Kompromisse eingehen mag. Da muss man aber irgendwie einen Mittelweg finden, wo man selbst nicht verzweifelt. Wenn man am Schluss depressiv wird und nichts mehr macht, dann bringt man auch niemandem etwas.

Nina Paim hat in Brasilien und den Niederlanden Grafikdesign studiert, allerdings hat sie nicht lange als Grafikdesignerin gearbeitet. Sie ist Mitgründerin und Co-Direktorin von Futuress, einer Plattform, die sich an dem Schnittpunkt zwischen Feminismus, Design und Politik ansiedelt und Texte zu diesen Themenbereichen publiziert.

That’s a hard question. I think that having a community of people that can support you is really important. It is frustrating and can be very exhausting and emotionally taxing and triggering sometimes. There are a lot of difficulties that come, there is a lot of backlash and a lot of hate you get when you open up these discussions and you piss people off just by existing. So one of the things I’m trying to learn how to do better is to improve my self-care. I’m not really succeeding but I think I’m learning to. Mental health is really important, finding pleasure in the daily labours of the work and learning to say no. I think that’s super important.

Students and this generation — your generation — is what I find the most hopeful about everything because I feel that it’s so different from the times when I was a student. The kinds of questions that your generation is bringing to the classroom, the kind of criticality, the kind of being present and not taking shit. I also get the most inspiration from young people who are actually interested in opening up these discussions and who are interested in asking the questions, who are interested in not finding simplified answers and merging design and activism in interesting ways. That’s why I always say yes to students even though I am sick and tired because my day is already brighter just to know that you are there at the Bern Academy of the Arts. And it’s great that you’re there because we need to be everywhere.

Kannst du mir etwas über deinen Hintergrund erzählen?

Ich habe Umweltnaturwissenschaften studiert an der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich), im Master mit einer Vertiefung in Biogeochemie und Schadstoffdynamik, also woher kommen vor allem chemische Schadstoffe und wohin gehen die, also sehr wissenschaftlich. Nachher habe ich ein bisschen mehr als ein Jahr beim BAFU (Bundesamt für Umwelt) gearbeitet in der Sektion Industriechemikalien, wo es vor allem um Chemikalienregulierung und Regulierung von Schadstoffen in der Schweiz gegangen ist. Dann bin ich zu einem Planungs- und Umweltbüro, der EBP gegangen. Dort habe ich vor allem im Bereich environmental impact assessment — auf Deutsch Umweltverträglichkeitsbericht — von grossen Infrastrukturprojekten gearbeitet. Dort ging es viel mehr auch um planungsrelevante Fragen, die impacts von grossen Infrastrukturprojekten so klein wie möglich zu halten und diese auch kompatibel mit dem Schweizer Recht zu machen. Danach bin ich zur UNO (United Nations Organisation) als consultant und habe dort an einem Projekt gearbeitet zu Schadstoffen in Bauprodukten, Elektrogeräten und Spielzeug. Jetzt bin ich seit letzter Woche bei einem management consulting Büro. Die machen Unternehmensberatung. Nach zwei Jahren bei der UNO fand ich, dass mir die Seite gefehlt hat: «Was machen sich eigentlich Firmen für Überlegungen?» Ich will das mal lernen, wie man das als Firma besser machen kann. Ich habe bei der UNO das andere Extrem erlebt. Du gibst deine Ergebnisse dann in die Welt raus und ob das dann jemanden interessiert, ist offen. Ich fand, wenn ich Unternehmen dazu bringen kann das tatsächlich umzusetzen, dann ist der impact unter Umständen grösser. Ob das funktioniert, weiss ich noch nicht, aber das ist die Hoffnung. Darum bin ich management consultant geworden, was ich eigentlich nie werden wollte, aber jetzt arbeite ich in einem Büro mit ganz vielen Leuten, die eine Krawatte und ein Hemd anhaben.

Was ist Nachhaltigkeit für dich?

Für mich hängt das sehr stark mit planetary boundaries zusammen. Also dass man nicht mehr verbraucht, als sich in einem einigermassen vernünftigen Mass wieder regenerieren kann. Einen impact werden wir immer haben und du wirst nicht als Mensch auf der Erde leben können, ohne Spuren zu hinterlassen. Für mich ist die Definition von Nachhaltigkeit die, dass du nur so viel verbrauchst, dass alle nach dir mindestens gleich viel haben können. Da sind wir im Moment weit, weit drüber.

Wo würdest du ansetzen, um das anzugehen?

Grundsätzlich gibt es für mich drei Ansatzpunkte und die hängen sehr stark zusammen. Zum einen sind es die Unternehmen, die Wirtschaft, die produziert und so einen Grossteil vom impact generiert. Wie produzierst du selber in deiner Fabrik, was produzierst du und was hat das für einen impact im Lebenszyklus des Produkts. Im Moment gibt es Unternehmen, die einen Wert darin sehen proaktiv Schritte zu unternehmen, weil sie davon ausgehen, dass man irgendwann reguliert oder auch dass ihnen eine bessere Nachhaltigkeitsperformance einen kompetitiven Vorteil gibt — dass Leute ihre Produkte eher kaufen und sie dadurch einen Wettbewerbsvorteil haben.

Die nächste Einflussebene ist der persönliche Konsum — was kaufe ich, wie ernähre ich mich, wie stark heize ich mein Haus, wie viel fliege ich, wie viel nehme ich die Leistungen, welche die Wirtschaft produziert, in Anspruch.

Die dritte Ebene ist die Regulierung, die politische, staatliche Ebene. Ohne die funktioniert nichts. Der politische Prozess ist am Schluss die Gesellschaft, die sagt: «Hey, das ist ein gemeinsames Gut und wir einigen uns jetzt gemeinsam darauf, dass wir so und so viel davon verbrauchen.» Das ist etwas, was du nicht allein machen kannst. Man kann die einzelnen Bereiche kaum isolieren, es muss alles zusammen funktionieren.

Was kann die visuelle Kommunikation zu Nachhaltigkeit beitragen?

Das Thema Nachhaltigkeit und was wie viel impact hat ist wahnsinnig komplex. Auf einer wissenschaftlichen Ebene hat das eine Komplexität, die nicht erfassbar ist. Was die visuelle Kommunikation bzw. jemand, der*die gut visuell kommuniziert, in der Regel kann, ist die wichtigen Teile sehen und diese viel einfacher erfassbar machen. Das Wesentliche herauspicken und zu kommunizieren ohne dass man vier Seiten Text lesen muss. Gute visuelle Kommunikation schafft es dort sozusagen oft die intellektuelle Eben zu überspringen, dass es emotional fassbar wird. Ich glaube, nur das bewirkt auch eine Verhaltensänderung. Sehr häufig passieren 100 Sachen gleichzeitig. Dann kommt etwas wie ein Klimastreik. Es macht *schnips* und es sind 35’000 Leute auf der Strasse. Das hat einen wahnsinnigen Lawineneffekt. Das ist in allen Zeitungen und alle Politiker*innen finden plötzlich: «Oh, shit. Da sind ja Leute.» Es finden dann auch Leute, die sich nicht unbedingt mit dem Thema auseinandersetzen plötzlich: «Ahja stimmt, shit.» und ein halbes Jahr später finden die dann: «Okay, jetzt wähle ich mal die Grünen oder saniere meine Heizung.» Die zivilgesellschaftliche Entwicklung kann accountability generieren — eine Verantwortung gegenüber der Politik und gegenüber der Industrie, der Wirtschaft. Ich denke, die visuelle Kommunikation ist einer der Schlüssel um die zivilgesellschaftlichen Kräfte zu Bündeln und in eine Richtung zu bewegen.

Ein Problem ist oft, wenn du als Forscherin zu jemandem kommst, der*die visuelle Kommunikation macht, bis du ein gemeinsames Verständnis von der Sache hast, dauert es recht lange. Ich habe diesen Prozess schon ein paarmal gespielt. Du kommst und findest: «Ich habe jetzt diesen Fakt und mach mir doch bitte eine schöne Infografik dazu.» und dann kommt etwas zurück und du findest: «Uh, nein. Das kannst du so nicht sagen.» Auf der anderen Seite bin ich dann ein völliger Vollpfosten, wenn es darum geht etwas sinnvoll zu kommunizieren. Ich finde dann immer: «Man braucht noch 700 Details mehr.» und die in der visuellen Kommunikation finden: «Mehr als drei bullet points liest eh keine Sau.» Es ist ja nicht nur das Fachwissen, sondern auch wie jemand an so eine Fragestellung herangeht. Dort ein gegenseitiges Verständnis zu schaffen, wäre ein sehr spannendes Feld. Dort sehe ich sehr viel Potenzial.

Was ist denn deine Motivation für deine Arbeit? Ist das etwas zu verändern?

Ich habe ein sehr grosses Fairnessempfinden. Ich finde es ganz schwierig mit Egoismus umzugehen. Die Art von: «Ich lebe über die Grenzen von dem, was mir eigentlich zusteht, hinaus.» hat für mich eine Ungerechtigkeit, die mich ziemlich wütend macht. Also dass jemand findet: «Dieses Auto steht mir zu.» Da finde ich: «Nein, dir steht überhaupt kein Auto zu. Du kannst dir ein Auto leisten, weil du in der nördlichen Hemisphäre wohnst und geboren wurdest, aus reinem Glück, und vor 100 Jahren jemand den Verbrennungsmotor erfunden hat und du jetzt fossile Ressourcen in die Luft bläst. 200 Jahre nach dir kann das niemand mehr. Aber schön hast du das Gefühl, dir stünde ein Auto zu.» Meine Motivation kommt stark aus diesem Konflikt, dass ich es eigentlich unfair finde, wenn man über seine Verhältnisse hinauslebt.

Das hat einen ziemlich starken Zusammenhang zu anderen Themenbereichen. Gerade wenn du jetzt vom nördlichen Teil der Hemisphäre redest, hat das ja einen Zusammenhang mit einer Kolonialgeschichte und mit Rassismus und Kapitalismus. So kann man Nachhaltigkeit auch sehr intersektional anschauen. Ist das auch Teil von dem was du machst?

Das ist eine sehr spannende Frage. Ich setze mich noch nicht so lange mit der Intersektionalität dieses Problems auseinander. Für mich ist das eine sehr neue Dimension, über die ich auch noch sehr viel lernen muss. Ich komme aus der ökologischen Nachhaltigkeit, wo es mehr um Sachen wie Öl und da wird irgendwie CO2 in die Luft geblasen und irgendwann gibt es keine Korallenriffe mehr usw. geht. Das ist eine sehr klassische Perspektive, die ich an der Uni gelernt und eigentlich schon im Gymnasium vermittelt bekommen habe. Mit der Intersektionalität habe ich mich erst seit ca. 1-2 Jahren bewusst angefangen auseinanderzusetzen und da bin ich noch zu wenig weit, um das in meinen Alltag und meine Tätigkeit einfliessen lassen zu können. Dort bin ich noch sehr stark in einem Lernprozess.

Würdest du dich als Aktivistin bezeichnen?

Es kommt sehr auf den Kontext drauf an. In der Firma, in der ich angefangen habe, würde ich mich als Aktivistin bezeichnen. Gegenüber jemandem, der*die sich bei Extinction Rebellion einbringt würde ich sagen: «Okay, ich sitze viel zu sehr auf dem Sofa.» Ich bin jetzt nicht eine, die sich noch ultra engagiert und irgendwelche Sitzstreiks organisiert oder so. Ich bin in dem Sinn aktivistisch, dass ich mir z.B. sehr bewusst kein Auto kaufe und mit meiner ganzen Familie jedes Mal einen Streit anfangen muss, weil sie finden: «Ah, warum hast du kein Auto.» und ich finde: «Warum HAST du ein Auto?» Wenn das Aktivismus ist, dann mache ich das. Wenn ich mich selbst platzieren müsste im Spektrum von aktivistisch zu nicht-aktivistisch, würde ich mich nicht auf gar-nicht-aktivistisch, aber eher in der nicht-aktivistischen Hälfte einordnen. Dafür schäme ich mich manchmal ein bisschen, aber ich kann es einfach nicht besser.

Wie würdest du denn Aktivismus definieren?

Das ist eine schwierige Frage. Das habe ich mir noch nie wirklich überlegt. Es hängt schon sehr stark damit zusammen, sich für etwas zu engagieren und dafür auch mal einen Konflikt einzugehen. Für mich ist Aktivismus immer mit einem Konflikt assoziiert. Bereit zu sein, für seine Überzeugungen einzustehen, und zu sagen: «Das ist meine Überzeugung und das ist meine Wertvorstellung.» Meistens braucht man gar nicht mehr für einen Konflikt. Das ist eine sehr milde Form von Aktivismus.

In einem zweiten Teil hat für mich ein richtiger, realer Aktivismus eine öffentlichkeitswirksame Komponente. Das ist etwas, was ich gar nicht mache. Dass du dich nicht nur im Privaten, sondern auch im gesellschaftlichen Dialog engagierst.

Ich finde es oft auch sehr frustrierend sich mit diesen Themen zu beschäftigen, gerade wenn man erkennt, wie weitreichend diese Probleme sind. Wie gehst du damit um?

Lustig, sprichst du das gerade an. Ich habe das neulich mit einer guten Freundin diskutiert. Wir hatten einen sehr intensiven Prozess im Studium. Wir hatten so 35 Stunden Vorlesung in der Woche und jedes Mal stand ein*e Professor*in vorne und findet: «Ja, also… So wäre es cool. Im Moment ist es scheisse. Wir wüssten, wie es gehen würde. Wir wissen es seit 15 Jahren. Niemand macht etwas.» Das war ziemliches Training der Frustrationstoleranz. Das war ein Dauerprozess und bis zu einem gewissen Punkt ein Abstumpfen. Ich habe es irgendwann angefangen, in spheres of influence zu zerlegen. Was kann ich beeinflussen und was liegt ausserhalb von meinem Einflussbereich? Jedes Mal, wenn der Frust zu gross wird habe ich mir gesagt: «Das liegt ausserhalb von deinem Einflussbereich. Es ist scheisse, dass es so ist, aber cut yourself some slack.» Das braucht sehr viel Übung.

Auch sich mit dem eigenen Fundamentalismus zu konfrontieren und zu merken, dass man an gewissen Orten nicht alle Kompromisse eingehen mag. Da muss man aber irgendwie einen Mittelweg finden, wo man selbst nicht verzweifelt. Wenn man am Schluss depressiv wird und nichts mehr macht, dann bringt man auch niemandem etwas.

Kannst du mir über deinen Hintergrund erzählen?

Nachdem ich mich in verschiedenen Studienfächern versucht habe, bin ich 2007 zum Grafikdesign gekommen. Schnell habe ich gemerkt, dass es genau das Richtige für mich ist und seither bin ich in diesem Bereich tätig. Den Master habe ich in Zürich gemacht, wo ich seit dem lebe. Das war eigentlich nie der Plan, aber ich habe viele Freunde und ein Zuhause hier gefunden.

Zusammen mit Christoph Miler habe ich 2017 Offshore gegründet gegründet. Im Master haben wir uns beide mit gesellschafts-politischen Inhalten beschäftigt. Und danach hat sich die Frage gestellt: «Und jetzt? Gehen wir in eine Agentur und machen Logos?» Wir konnten uns das beide überhaupt nicht vorstellen. Um es spannend zu halten, haben wir selbst angefangen Arbeiten zu publizieren. Nach einem kleinen Projekt haben wir die Publikationsreihe Migrant gestartet. Dabei ging es um Migration im weitesten Sinne. Mit dem Launch der ersten Ausgabe war uns beiden klar, dass wir ein Studio gründen wollen, weil die Zusammenarbeit so gut funktioniert. Gleichzeitig haben sich neue Recherchefragen und -interessen herausgebildet.

Als Migrant abgeschlossen war, wollten wir eine neue Recherche ausserhalb der Studioaufträge beginnen. Deswegen waren wir sehr froh, dass wir 2020/21 an der Jan van Eyck Academie in den Niederlanden einen künstlerische residency machen konnten. In dieser Zeit haben wir uns mit dem Wolf, dessen Rückkehr in einer visuellen Recherchearbeit auseinandergesetzt. Dabei haben wir Fragestellungen zu den Beziehungen zwischen Ökologie, Mensch und technologischer Überwachung behandelt. Durch verschiedenste visuelle Experimente und Medien haben wir die Thematik visuell erzählerisch umgesetzt — ein gutes Beispiel dafür, wie wir gerne arbeiten und ein wichtiger Teil unserer Praxis.

Mittlerweile haben wir so etwas wie drei Säulen: Unterrichten, selbstinitiierte Projekte und Auftragsarbeiten. Diese drei Bereiche nehmen bei uns momentan fast gleich viel Platz ein.

Wo siehst du ist die Handlungsfähigkeit von visueller Kommunikation, um Nachhaltigkeit zu behandeln und zu fördern?

Wir schreiben uns nicht auf die Fahne, dass wir Nachhaltigkeit fördern oder thematisieren. Unser Ansatz ist vielleicht subtil. Die Themen, mit denen wir uns ausserhalb von der Grafik beschäftigen fliessen ebenso in unsere Arbeit mit ein, wie unsere Lebensweise und unsere Ansichten. Eine aktivistische Kampagne zu starten, würde nicht zu uns passen. Wir setzen uns mit Themen auseinander, stellen Fragen und kontextualisieren diese. Dabei legen wir Wert auf Vielschichtigkeit und hoffen, dass Fragen aufgeworfen werden. Im Idealfall können wir verschiedene Perspektiven sichtbar machen, ohne didaktisch oder dogmatisch zu sein.

In fast allem steckt eine politische Haltung, auch wenn diese nicht immer sichtbar ist. Wenn wir, zum Beispiel, einen Auftrag vom Helmhaus für eine Plakatserie bekommen, ist die Fragestellung meist weniger gesellschaftskritisch, obwohl es auch dort in einem Rahmen möglich ist. Wir haben die Tendenz manchmal etwas verkopft und ernst zu werden, wenn wir lange an Projekten, wie Migrant oder dem Wolfsprojekt arbeiten. Danach tut es gut ein Plakat oder eine Schrift zu gestalten, um eine Abwechslung zu diesen kritischen Projekten zu bekommen. An politischen Themen sind wir grundsätzlich interessiert und wollen diese visuell und textlich behandeln. Wir würden uns aber nicht als Aktivist*innen bezeichnen.

Gestaltung sehe ich als Vermittlungsinstrument. Gleichzeitig ist mir das Formale extrem wichtig. Diesen beiden Teilen schreibe ich gleich viel Gewicht zu. Ich lege Wert auf zeitgenössische Themen, die auch ausserhalb von Kommerz stattfinden, allerdings möchte ich mich nicht nur in Worten und Konzepten verlieren. Am Ende müssen die Inhalte auch kommuniziert werden.

Viele Gestalter*innen sind auf das Geld aus kommerziellen Bereichen angewiesen. Wie ist das bei euch und wie findet ihr eine Balance?

Das ist Teil des Systems. Es ist eine individuelle Entscheidung, die ich sehr schwierig finde. Unsere Kund*innen kommen meist aus kulturellen Bereichen und sind selten klassisch kommerziell. Wir wurden einmal von einer grossen Modefirma angefragt. Christoph und ich haben diskutiert, ob wir diesen Auftrag annehmen sollten und waren zwiegespalten. Da wir keine Zeit hatten, lehnten wir den Auftrag ab. Im Vergleich zu unseren peers sind wir eventuell etwas zögerlicher, mit wem wir zusammenarbeiten. Manchmal hinterfrage ich, ob wir zu extrem sind, allerdings hat sich die Frage bis jetzt auch selten gestellt. Durch unsere selbstinitiierten Projekte sind die meisten Anfragen, die wir bekommen aus dem Kultursektor und passen thematisch sehr gut zu uns.

Allerdings möchte ich eine klassisch kommerziell geprägte Praxis keinesfalls verurteilen. Es entsteht ein Paralleluniversum, wenn Grafiker*innen nur ausserhalb der Wirtschaft arbeiten. Deswegen finde ich es wichtig, dass kritisches Denken in der Ausbildung einen Platz hat. Nur so können Absolvent*innen, die nach dem Studium in kommerziellen Kontexten arbeiten, auch dort die ästhetischen Mittel hinterfragen. Nach der Ausbildung fehlt oft der Platz für kritische Auseinandersetzungen im Beruf. Deswegen unterrichte ich selten das 1×1 des Layoutens, ohne einen inhaltlichen Bezug herzustellen. Meist wird das von den Studierenden sehr begrüsst.

Ich sage den Absolvent*innen: «Wenn ihr eine Vision habt, wie und für was ihr gerne arbeiten möchtet, dann fangt erstmal selbst damit an. Angefragt werdet ihr meistens für das, was sichtbar ist.» So hat man eine gewisse Handlungsfähigkeit darüber, was für Aufträge man bekommen kann. Wenn man nur visuelle Identitäten für Restaurants im Portfolio zeigt, wird das auch den Grossteil der Anfragen ausmachen.

Du investierst sehr viel Zeit in deine Projekte. Wie sieht deine work-life-balance aus?

Uuh, schwieriges Thema. Mein Umfeld sagt immer, dass sie keine Leute kennen, die so viel arbeiten wie Christoph und ich. Für uns ist es eine Entscheidung. Kürzlich haben wir diskutiert, dass der Arbeitsaufwand momentan zu gross ist. Letztes Jahr waren wir im Frühjahr am gleichen Punkt wie jetzt, wo sich unsere Projekte überschlagen haben. Im Sommer waren wir ausgebrannt. Zu Beginn unserer Zusammenarbeit, hatten wir nie Wochenenden. Wir sind sehr angetrieben von unseren Projekten, das ist Teil unserer Praxis. Es gab aber einige kritische Momente, in denen wir erschöpft waren, weshalb wir unsere Arbeitsweise schon zu einem gewissen Grad überdenken wollen. Wir haben entschieden, dass wir alternieren wollen zwischen Auftragsarbeiten, selbstinitiierten Projekten und Unterrichten, um uns mehr auf die einzelnen Bereiche fokussieren zu können und nicht immer alles gleichzeitig zu meistern.

Could you give me a short background of you and your work?

I am a trained graphic designer, I studied both in Brazil and the Netherlands. I graduated in the Netherlands from the Gerrit Rietveld Academy in 2012, but I never really practised graphic design. I think that’s good to clarify: I’m not a graphic designer. I’m a trained graphic designer who went on in a different direction. I realized over the years that I’m much more interested in opening up discussions and sparking conversations. For me, the act of making is to make thinking. Thinking is making. My graduation project was an experimental design school, that I co-organized. Because of that project, I started getting slowly some curatorial design commissions. To make exhibitions, to teach or to organize workshops. I didn’t have any training, I didn’t study curating, design curating, design writing or design editing, none of those. I learned by doing.

Then I did a MA in design research in Bern between 2016-2017. They had this double path for design research. You could either go into academia or you could become an entrepreneur. I didn’t want either. At that time me and my former partner Eliot Gisel, we found ourselves in this limbo moment. We started this practice which we called common interest because it was in our common interest to just team up and not be alone for that time. Then we were able to say we want to do projects about social justice and environmental justice. We said that to the world: «We think design is political, we want to do projects about these things.» To link back to your broad topic of ecology, this is a moment where we really need to think as a society. Rather than making more books, rather than bringing more stuff into the world, we should be thinking about who we are as a species.

One of these projects that we started together was Futuress. At the time, it was just a small website collecting design books that are yet to be written, that don’t exist yet. It was something we conceived for an exhibition but then people started getting excited about it. When the pandemic hit we were thinking: «Okay, how can we transform this speculative library of imaginary books into something that is elevating those voices that we are dying to hear within design.» It’s so important because whoever falls into the category of the minority — even though it’s not a minority — you’re always so alone in whatever institutional space you enter. You’re the only non-European person, you’re the only person of colour, you’re the only non-binary person, you’re the only person who does not conform and then it’s just so hard to be in that position of being the odd one out. We were invited to organize a workshop and we decided to focus on the history of feminist publishing. It was amazing because we were able to connect with a bunch of people. We thought: «Okay, so actually we’re not alone.» There are actually so many others but in the beginning, we didn’t know these people. Mostly women and non-binary persons but from different parts of the world, interested in the stuff that we were interested in. It just felt so hopeful. That was like a light bulb moment. That could be some kind of model for publishing. We could bring people together, we could create networks, we could support people, we could create alliances and as a byproduct of that we can generate texts and those texts can be published. And this is it, this is what I do now.

Do you have a definition of sustainability?

I don’t even know if I would use the word sustainability. What is the word sustainability? I don’t know. I’m sure there are plenty of definitions but I don’t operate with definitions. I think it’s more interesting to ask a question than to define something and to stabilize a meaning. A question about sustainability is going to be a different question depending on the context that is being asked. It’s a different thing for me to ask the question than for another person to ask the question just because we come from different perspectives and we are in different positions. That’s what I personally committed to doing: destabilizing things. Showing that it’s more about how we are looking, what we are trying to do, than to stabilize and say: «Okay, this is solved, we have solved sustainability because now we know what it is.» Because we don’t.

Gloria Anzaldúa was a feminist theorist, I think I’m quoting her correctly but maybe I’m wrong «I change myself, I change the world.» I really believe in that. I believe that the work starts with ourselves. Patriarchy is within myself, white supremacy is within myself, ableism is within myself, it’s not outside of me, it’s part of me because I am a product of design. You can just think about these systems as designs that were enacted collectively, culturally, and historically but then they also produce who we are. What is to decolonize? It’s to confront ourselves bookshelves. Look at your bookshelf and look at the people you’ve been reading all your life and do something about it. That’s hard work. But it’s also a work where it’s so important that we do it with ourselves but we also do it together. Because we’re all limited, none of us is complete, none of us is perfect, none of us is final, we’re all in process. If you share a piece of text with me I learn something about Tim that I didn’t know and then I’m going to maybe share my opinion and I will say «As a Brazilian person, I read your text like this.» I think then you get a glimpse, just for one second, of what it is to see the world through my eyes. Then you can just ever so slightly change. A little bit. That’s how we expand our field of vision.

You talked a lot about feminism and human rights. How does this connect to ecological sustainability?

I don’t think it’s possible to separate any of these things, I think that’s what is the most daunting. Any struggle for justice is completely intersectional. You cannot talk about environmental justice if you don’t talk about spacial justice or social justice. At Futuress we are a feminist platform for design politics. That’s how we temporarily at least found a way to introduce ourselves. That in itself means for us that we’re acutely aware of all those entanglements. A conversation about feminism is a conversation about sustainability, they’re not two different kinds of conversations. I think that’s very hard for people to accept. The way how we are brought up, we are so much trained to separate things and to seek simplicity, find models that are simplified to make sense of the chaos. It’s never resolving anything, it’s never closing anything, it’s always staying with a mess.

What approaches do you use for sustainability?

I don’t remember the quote, I think it was Angela Davis who said something: «You have to act as if it were possible to radically transform the world. And you have to do it all the time.» I don’t think we can choose [between different approaches]. I don’t think we can afford to choose. I also don’t think we should be too busy thinking that we should reach consensus. That’s probably a tricky one. Of course in certain spheres and certain contexts like maybe the UNO (United Nations Organisation) and the COP26 (26th United Nations Climate Change Conference of the Parties) consensus is good. But I don’t think that as a society we need to first agree on how we are going to tackle climate change. «Okay, let’s agree that we’re all going to be vegan.» — «Okay, let’s agree that we’re all going to stop flying.» I don’t think so. I think that we can all do something and we can all do different things. Not even as designers but as humans. We can do different things because we’re different people and we’re in different contexts. I’m a non-conformist, so it’s really hard for me to operate in those generalizations. I’m interested in having a conversation about what I, Nina, can do with my own resources, in my own household and with my practice. That doesn’t mean that I don’t want to share learning outcomes that I have from past projects.

Can you give me an example?

Not long ago I was part of this project called Srijan-Abartan.It started because we were approached by the Dhaka Art Summit which is a huge art event in Bangladesh in Dhaka that lasts around 10 days and has a huge visitation. They have a lot of artists from Bangladesh, India, and Pakistan, it really connects that whole region there in a very interesting way. Bangladesh is considered ground zero for global warming because it’s a country that is nested in this network of rivers. The ice caps of the Himalayas have been melting so the waters have been rising because of global warming. Then there is this huge art event and a lot of the artists of the region are talking about climate change because that’s their reality. They are making works about migration connected to climate change and many other related topics. How can the exhibition itself be reflective of this?

We created a workshop where we thought about strategies for exhibition-making and unmaking. With this workshop, we generated guidelines for a public building that is located in the centre of Dhaka. For example one of the guidelines was like: «Everything you do to the building, think about a long-lasting contribution because this is a public building.» If you make a temporary exhibition it’s not temporary, it’s permanent because you generate a shitload of trash. What do you do with this trash that you don’t see, that ends up somewhere? One of the things we did was to calculate the CO2 emissions of the previous summit. Then we knew what things are the most CO2 emitting: particle boards, to create white cubes. We also realized that the idea of making an exhibition is a western one. Then somehow it ends up that Bangladesh is making white cubes but to make white cubes they are producing these crazy rooms with particle boards. They also have to be climate isolated because this art needs to be in air conditioning (AC). You need to have AC in four white walls for it to be called art. Part of the work that we did was to think about what the most CO2 emissions are but then it means that we need to redefine our own idea about what an exhibition should be. «Do we need walls?» — «No.» — «Do we need AC?» — «No.» — «What happens if we don’t have windows?» The amount of effort that the design team had to do to convince the patrons not to have AC even included getting all the data for the last 10 years of rains in Dhaka to prove that the chances for raining would be very low, therefore you could have the windows open and the air would circulate. That was a huge piece of research just to convince people to say: «Let’s not build walls.» The act of not designing, not making, not building was so much effort. We are so much trained to solve things by making. But not making is also a way of making.

How do you see your role in all of this?

I think my role in all these projects that I’m talking about is that of a facilitator, a midwife somehow. I think the hardest part is to actually bring people into the room. Then to propose the topic. That is not even in itself enough for the conversation to happen. You can bring a stellar array of super interesting people together who are excited about making interesting work about sustainability but if they have to stand over 15 minutes in the cold they are not going to exchange anything relevant. You need to design the room where the conversations are going to happen. When you do that, you think about who is entering the room? Who is not entering the room? How do you give access to people? How do you restrain? How do you make it a safer space? How will they talk? Are they just supposed to talk? Maybe there is some food. Maybe there is a film. You start thinking about how you engage people in the conversation. It’s always a work of hope. Perhaps it’s going to work out and maybe something interesting is going to happen. People are going to open up and share something and there is going to be a spark. Somebody is slightly going to change their perception or mindset or world view. But you don’t know.

There are a lot of people that are working in commercial graphic design agencies that mostly support consumption. How do you reach those people and include them in the discussions?

Our mission [at Futuress] is to democratize access to design education and to amplify marginalized voices. When we say marginalized voices, what do we mean? We mean women, LGBTQIA+ people, people of colour, black people, brown people, indigenous people, refugees, migrants, anyone who has been impacted negatively by the multiple systems of oppression that operate in our world. Those who — for whatever reasons — are not in that category, they are not our mission. The world is already working for them. This is a question that I also get quite often. «What about privileged, what about rich, white people? Shouldn’t you be talking to them because they rule the world?» — «No.» Somebody else can do that. I’m not saying that this is not necessary. I also think it’s their responsibility to learn and grow. What we are trying to do is to create space for people who have not had space historically within design. That’s already a lot. That’s a huge mission. That’s already enough. It’s also not my responsibility as an immigrant woman of colour to educate or to explain to white people why they should care. That’s already so much of my work. That’s already been so much of my life. I think that’s my answer. Baam. That’s my answer.

A lot of those topics are also very frustrating to me and not always very hopeful. It can be overwhelming to have such huge topics and such little things you can do. How do you handle this frustration and how do you stay active?

That’s a hard question. I think that having a community of people that can support you is really important. It is frustrating and can be very exhausting and emotionally taxing and triggering sometimes. There are a lot of difficulties that come, there is a lot of backlash and a lot of hate you get when you open up these discussions and you piss people off just by existing. So one of the things I’m trying to learn how to do better is to improve my self-care. I’m not really succeeding but I think I’m learning to. Mental health is really important, finding pleasure in the daily labours of the work and learning to say no. I think that’s super important.

Students and this generation — your generation — is what I find the most hopeful about everything because I feel that it’s so different from the times when I was a student. The kinds of questions that your generation is bringing to the classroom, the kind of criticality, the kind of being present and not taking shit. I also get the most inspiration from young people who are actually interested in opening up these discussions and who are interested in asking the questions, who are interested in not finding simplified answers and merging design and activism in interesting ways. That’s why I always say yes to students even though I am sick and tired because my day is already brighter just to know that you are there at the Bern Academy of the Arts. And it’s great that you’re there because we need to be everywhere.

Ich finde, du hast einen sehr interessanten grafischen und politischen Hintergrund. Kannst du kurz erzählen, was du so machst?

Sicher. Ich mache eine Kombination zwischen Politik und Grafik. Ich habe mit 16 die Lehre zum Grafiker gemacht und seit sechs Jahren sind wir selbstständig als Büro Zwoi. Wir haben ein Büro in Luzern, haben zu zweit gestartet, jetzt sind wir drei Personen und meist noch ein*e Praktikant*in.

Privat bin ich politisch engagiert. Ich bin in der Stadt Luzern Präsident von der SP und im Grossen Stadtrat, dem städtischen Parlament. Politisch engagiert bin ich nun seit über 10 Jahren und für mich fliessen die gestalterische und die politische Tätigkeit auch häufig ineinander. Häufig braucht es in der Politik auch etwas Kreativität. Vor allem finde ich es einen guten Ausgleich zur Grafik, auch politische Arbeiten zu machen und so mein visuelles Interesse mit dem gesellschaftlichen Engagement verbinden zu können. Gerade, wenn man beobachtet, wie die politische Kommunikation in der Schweiz sie verändert hat, merkt man, dass in den letzten 15 – 20 Jahren viele grafische Arbeiten in diesem Bereich qualitativ einiges schwächer und plumper geworden sind. Wenn man z.B. historische Plakatarbeiten anschaut, merkt man, dass früher ein grösserer künstlerischer und kreativer Aspekt in den Arbeiten steckte, als das heute der Fall ist. Ich glaube fest daran, dass politische Werbung nicht einfach plump und einfach runtergebrochen sein muss, sondern dass man den Leuten auch zumuten kann, sich mit anspruchsvolleren grafischen Arbeiten auseinander zu setzen – auch im politischen Kontext.

Es ist noch spannend, einer meiner heutigen Geschäftspartner habe ich 2011 in der Berufsschule kennengelernt. Der Lehrer hat mal gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, später politische Werbung zu machen. Er fand, das käme für ihn nicht in Frage, weil man viele Kund*innen abschreckt, wenn man sich politisch positioniert als Firma. Das passiert automatisch, wenn du für politische Kund*innen gestaltest. Und ich fand, dass ich mir das gut vorstellen könne. Dann hat sich das so ergeben, dass wir schon während der Lehre in der Freizeit ein erstes Projekt zusammen gemacht haben für die JUSO Schweiz, für die Initiative für ein Verbot von Nahrungsmittelspekulation. Durch unser unterschiedliches Umfeld hat es sich dann bald ergeben, dass wir zu einigen Aufträgen aus den Bereichen Kultur und Politik gekommen sind.

Wo ziehst du die Grenze zwischen politischem Engagement und deiner gestalterischen Tätigkeit?

Das ist schwierig, weil die beiden Bereiche für mich ineinander hinein fliessen. Wenn ich bei der SP engagiert bin, ist das ehrenamtliche Arbeit. Wenn ich etwas gestalte, z.B. für die SP, dann verlange ich auch etwas dafür. Es geht mir dabei ums Prinzip. Das eine ist meine Arbeit und davon muss ich leben, meine Miete und Krankenkasse bezahlen können. Das andere ist ehrenamtliches Engagement. Das versuche ich dann so gut wie möglich zu trennen. Wenn ich etwas gestalte, dann mache ich das nicht ehrenamtlich.

Siehst du eure Arbeit als Aktivismus?

In dem Bereich, wo wir tätig sind, ist das sicher nicht ein Bereich, wo wir das vor allem des Geldes wegen machen. Wenn wir z.B. eine Kampagne für Geflüchtete unterstützen, ist das dann meistens 80% Aktivismus und 20% Lohnarbeit. Aber wir probieren das auch irgendwie quer zu subventionieren mit anderen Projekten. Damit gehen wir offen um. Besser zahlende Kund*innen wissen, dass wir nebenbei auch Projekte machen und umsetzen, die eher aktivistischer Natur sind. Das ist dann unser Aktivismus als Gestalter*innen.

Aber es ist natürlich schon ein Unterschied, ob du so wie wir aufgestellt bist oder eine grosse Werbeagentur mit 60 Angestellten leitest, die den ganzen Tag Werbung für Amazon oder so machen. Die haben ganz einen anderen Ansatz. Die funktionieren ziemlich anders als wir und haben wahrscheinlich auch andere Ziele und einen anderen Anspruch an ihren Lebensinhalt.

Schlussendlich müssen alle von irgendetwas leben. Es gibt zu viele Gestaltende, als dass niemand in so Agenturen wäre. Dafür ist in der Branche einfach zu wenig Geld da, dass man Hunderte von Grafiker*innen nur mit Kulturaufträgen über Wasser halten könnte. Irgendwo durch ist es wahrscheinlich auch ein Luxus, dass wir uns das leisten können, das zu machen, was wir gerne tun. Wir sind hier in einer sehr privilegierten Situation, das ist uns bewusst.

Ihr sagt auf eurer Website, dass ihr Arbeiten in den Bereichen Wirtschaft, Kultur und Politik macht. Wie findet ihr dort eine Balance? Und habt ihr dort intern Regelungen, was für Aufträge ihr annehmt und was für welche gar nicht?

Also eine Balance haben wir eigentlich nicht. Ich würde sagen, von unseren Arbeiten sind 80% Politik und Kultur und vielleicht 20% klassische Wirtschaft. Der Teil Wirtschaft, den wir haben, sind häufig Leute, die andere Arbeiten von uns kennen, die z.B. im Kulturbereich entstanden sind, und finden, dass so etwas auch zu ihrem KMU passt. Wir haben sicher gewisse politische Grundsätze, wo wir alle dahinterstehen können. Unsere Arbeiten und unsere Kund*innen bewegen sich grossmehrheitlich politisch in einem linken Umfeld. Es ist für uns wichtig, für Projekte arbeiten zu können, hinter denen wir selbst auch stehen können.

Was für eine Rolle spielt Nachhaltigkeit bei euch?

Wir versuchen unseren Kund*innen grundsätzlich auf Nachhaltigkeit aufmerksam zu machen. Die ganzen Produktionsmittel sind in unserer Branche sicher ein wichtiger Punkt. Wir achten z.B. darauf, Papier mit einem blaues Engel Siegel oder ähnlichen Labels zu verwenden. Zudem haben wir auch schon Aufträge abgelehnt, bei denen Kund*innen im Ausland drucken und produzieren wollten. Wenn das die Bedingung ist, dann können wir nicht dahinterstehen. Einerseits ist es ökologisch völliger Unsinn so zu wirtschaften und andererseits wollen wir an einer Druckmaschine die Farbabstimmungen machen können. Wenn wir den*die Produzent*in kennen, dann wissen wir, dass das Endprodukt auch unseren qualitativen Ansprüchen gerecht wird.

Was wir auch immer mehr machen, ist in Frage zu stellen, ob überhaupt ein Printprodukt das passende Medium ist. Wenn z.B. die Kund*innen vorschlagen, einen Flyer mit einem Teamfoto drauf zu produzieren, werden wir hellhörig. Die Konstellation innerhalb eines Teams kann sich schnell ändern und das Printprodukt landet im Altpapier. In so einem Fall legen wir den Kund*innen dann eher eine digitale Lösung ans Herz.

Wir versuche den Kund*innen auch mitzugeben, dass sie ihre nachhaltige Firmenphilosophie ruhig vermarkten dürfen – natürlich ohne Greenwashing zu betreiben. Auf Printprodukte empfehlen wir z.B. Labels wie «Printed in Switzerland» oder CO2-kompensiert aufzuführen. Wir sagen den Kund*innen dann jeweils, dass sie eine solche Mehrinvestition auch als eine Werbemassnahme für ihre Firma oder Organisation betrachten müssen.

Was für eine Rolle haben dort Gestalter*innen für dich?

Ich habe am Anfang sehr gezweifelt, ob ich überhaupt Grafiker werden soll. Am Anfang habe ich mir gedacht, die Grafiker*innen sind eigentlich einer die perfidesten Teile im Kapitalismus, denn das sind die Leute, die den Menschen Zeug verkaufen, dass sie gar nicht brauchen, um Profit für andere zu generieren. Du drehst den Leuten mit deiner Werbung irgendeinen Scheiss an, den sie gar nicht brauchen, trägst dazu zu einer grösseren Umweltkriese bei, damit sich andere bereichern können. In diesem Moment musst du dich fragen, was du genau machen willst. Unser Ziel ist es nicht, Werbung für die UBS oder Amazone zu machen, sondern wir versuchen unsere visuellen Dienstleistungen besonders dort einzusetzen, wo wir denken, dass wir mithelfen können etwas zu verändern.

Grundsätzlich finde ich wichtig, dass man sich als Gestalter*in auch mit der Gesellschaft auseinandersetzt. Ich finde, es gehört dazu im Grafikdesign und allgemein in der Gestaltung, dass man offen durchs Leben geht und sich Gedanken macht, wie sich die Gesellschaft entwickeln soll und wo man sich einbringen kann. Wenn wir eine gesellschaftliche Veränderung erreichen wollen, ist Kommunikation etwas vom Wichtigsten — im ökologischen oder ökonomischen Sinn. Ich finde, es sollte auch Teil der Ausbildung sein, dass junge Grafiker*innen auf diese Themen sensibilisiert werden.

Wenn man z.B. die Klimajugend betrachtet, die viel digitale Kommunikationskanäle nutzt, ist das immer eine Form von Kommunikation und muss gestaltet werden. Wenn man sich dort einbringt und seine gestalterischen Fähigkeiten zur Verfügung stellt, dann ist das sicher etwas Gutes.

Wie könnten solche Netzwerke oder auch ein breiterer Diskurs gefördert werden?

Das ist schwierig. Was z.B. ein Ansatz sein kann, sind Verbindungstreffen. In Luzern haben wir z.B. etwas, das heisst Show & Tell, damit hat Erich Brechbühl angefangen, wo sich Gestalter*innen regelmässig zu einem Bier treffen und dann alle kurz Arbeiten vorstellen, an denen sie gerade arbeiten. Das ist ein offenes, loses Netzwerk. Ich finde so Vernetzungstreffen sind interessant, weil man dort auch Leute aus Agenturen abholen kann und an solchen Orten auch die Diskussionen führen könnte, die wir gerade führen: «Was ist die soziale Verantwortung von Gestalter*innen?»

So etwas finde ich sinnvoll. Oder auch, dass andere Netzwerke und Verbände versuchen zu sensibilisieren auf diese Fragen, z.B. der SGD (Swiss Graphic Designers) oder der SGV (Schweizer Grafiker Verband). Die könnten das durchaus mal zum Thema machen. Das soll ja auch nicht belehrend sein, sondern kann in Form von einer Diskussion sein. Da kann auch jemand sagen: «Das ist mir alles scheissegal, ich will einfach Kohle verdienen mit meinem Job.» Ich finde einfach den Diskurs über unsere Arbeit wichtig.